Wie Städte und Einzelhandel sich re-erfinden muss

Immer öfter begegnet uns in der Presse die Schlagzeile rund um die Vitalisierung der Innenstädte. Immer mehr Aktionen werden geplant, Hilferufe ereilen, der Handel verliert weiter an Umsatz – so oder so ähnlich lauten die Inhalte der Artikel. Doch was heißt das genau? Wann ist eine Stadt „vital“?

Der Duden definiert den Begriff mit „voller Lebenskraft, im Besitz seiner vollen Leistungskraft“[1]. Synonyme gibt es viele: aktiv, betriebsam, dynamisch, energiegeladen, lebendig, lebenskräftig, lebhaft, voller Lebenskraft; quicklebendig. Doch denken wir an den Einzelhandel in unseren Städten, erzeugte das eher folgende Bilder:

Vitalisierung der Innenstädte

Finden Sie diese Bilder auch erschreckend? Wir haben die Pressemeldungen etwas genauer gelesen und fassen heute für Sie die aktuellen Entwicklungen zusammen. Wie ist der Status und welche Branchen sind besonders betroffen? Geht es nur dem stationären Einzelhandel in Deutschland so? Was sind die Hemmnisse für den stationären Einzelhandel? Wie versuchen Städte den trostlosen Zustand zu ändern bzw. sich gegen ihren Erzfeind Nummer 1 durchzusetzen? Welche „Pioniere“ setzen welche Maßnahmen wie um?

Status quo – Geisterstadt, oh nein!

Bäckereien und Fleischereien haben Sorgen, denn ein Drittel von ihnen schloss in den letzten 10 Jahren ihre Tür.[2] Auch der klassische Spielzeugladen kämpft mit den Folgen des Onlinehandels. 40 % aller Spielwaren werden online gekauft – Tendenz steigend. Die Folge: immer mehr inhabergeführte Läden schließen – zuletzt Intertoys mit über 20 Filialen in NRW.[3]

Auch vor den USA macht Amazon kein Halt. In den USA schaut die UBS[4]  bis ins Jahr 2026 und schätzt mit 75.000 geschlossenen Läden (ausgenommen sind Restaurants), wenn der E-Commerce-Marktankteil weiter wächst. Allein Amazon soll dabei die Hälft des Wachstums für sich beanspruchen. Am meisten betroffen seien demnach Bekleidungsgeschäfte (ca. 28  %).  Werden Lebensmittel weiter den Online-Markt durchdringen, so sind auch ca. 10 % der Lebensmittelgeschäfte betroffen.

Das Kölner Handelsforschungsinstituts IFH untersuchte „vitale Innenstädte“ (116 Städte aller Größen) und kommt zu einem erschreckenden Ergebnis.[5] Deutsche Innenstädte erhalten die Schulnote 3+. Flair, Ambiente und Einzelhandelsangebote reichen oft nicht aus, um Kunden in die Innenstadt und somit auch in die ansässigen Läden zu locken. Vier Städte in Ostdeutschland sind die Gewinner ihrer Größenordnung (Leipzig, Erfurt, Stralsund, Wismar) – Westdeutschland überzeugte nur mit Trier. Die Menschen in diesen Städten fühlen sich wohl, weil hier alles für sie soweit passt: Erscheinungsbild, Erreichbarkeit, Parkmöglichkeiten, Ladenöffnungszeiten, Gastronomie, Einzelhandels-, Freizeit- und Dienstleistungsangebot. Hauptmotiv für einen Stadtbesuch ist Shopping gefolgt von Freizeitaktivitäten.

Zeit für Veränderungen – was es bedarf

Der Handelsverband Deutschland (HDE) veröffentlichte jüngst seine Prognose[6]. Der Handel steigert demnach seinen Umsatz um 2 %. Im Vergleich dazu erhöhen sich die Umsätze im Online-Handel um 8,5 %. Kleine Händler schauen besorgt auf ihre Geschäftslage. Die Empfehlung an die Politik des HDE lautet unter anderem:

  • Gewerbesteuer reformieren!
  • Flächendeckend digitale Infrastruktur aufbauen!
  • Innenstädte stärken!

Auch kleine Fußgängerzonen innerhalb der Innenstadt sollen helfen den Leerstand in den Stadtzentren zu stoppen. Oft finden nämlich nur wenige Menschen die Wege in die Ladenzeilen. Der HDE fordert hier die Politik zu Sofortprogrammen auf.[7]

Frank Rehme (Mitgründer von Zukunft des Einkaufens) sagt in einem Beitrag „Die Stadt muss wieder den Charakter des Marktplatzes bekommen, der Handel muss wesentlich mehr zur Freizeitgestaltung werden. Er muss Geschichten erzählen, zum Ort passen und den Menschen dadurch deutlich mehr Aufenthaltsqualität bieten.“[8]

In Deutschland laufen erste Tests zur Einführung einer sogenannten City-Maut zur Erhöhung der Lebensqualität. Klingt an sich nicht schlecht, aber „City-Maut und Fahrverbote schrecken die Kunden vom Einkaufen in den Stadtzentren ab.“, so HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Ein Blick nach London (seit 2003 City-Maut) zeigt, dass der Absatz von John Lewis nach Einführung der Maut um 8 % zurückging.[9]

City-Manager für die Vitalisierung der Innenstädte

City-Manager oder Ortskernkümmerer werden vielerorts als Stabstelle der Stadt eingesetzt. Bei einem Citymanagement handelt es sich stark um einen Kommunikationsprozess zwischen Einzelhändlern und Stadtverwaltung. Beide haben an sich das gleiche Ziel – leider aber auch unterschiedliche Bedürfnisse und Vorstellungen das Ziel zu erreichen. Hier muss der City-Manager als Mittler zwischen beiden auftreten, um die Herausforderung lösen zu können. Zu den weiteren Aufgaben dieses Amtsinhabers gehören:

  • Imagepflege der Stadt
  • Belebung der Innenstadt
  • Förderung der Kommunikation und Kooperation
  • Steigerung der innerstädtischen Kundenzufriedenheit

Doch auch in Zeiten der Digitalisierung, muss es ein Interesse des City-Managers sein, seine Stadt hier auch voranzutreiben. Die Verbraucher entwickeln sich weiter und sind immer digitaler. Wer sie erreichen will, muss auch digital werden. Und auch hier kann der Einzelhandel seinen Kunden ein besseres Einkaufserlebnis verschaffen und zur Vitalisierung der Innenstädte beitragen.

Wie können Sie als Einzelhandel digital sein und doch Ihre Kunden in den stationären Handel locken – die Kaufkraft also nicht an die Online-Riesen vergeben? In Wuppertal[10] und Mönchengladbach[11] gibt es zwei digitale City-Initiativen mit lokalen Online-Marktplätzen. Dahinter steckt i.d.R. ein Kümmerer, der sich eben um Darstellung der lokalen Einzelhändler auf dem digitalen Marktplatz aber auch um ein digitales Dachmarketing für die City „kümmert“.

Eine Anleitung für engagierte Einzelhändler, die den Schritt Richtung Digitalisierung wagen wollen, finden Sie hier.

Pioniere voran: Städte, Händler traut euch!

Wie wir bereits auf Facebook berichteten, hieß es „Game Over“ für die Beziehung zwischen Rossmann und Amazon. Der Drogeriemarkt kündigte dem Online-Riesen, da die Kunden lieber im stationären Handel kaufen – da hilft auch keine megaschnelle Lieferung.[12]

In Berlin wird sich stark für den Einzelhandel in der Friedrichstraße gemacht. Die “Initiative Stadt für Menschen” strebt an die Friedrichstraße vom Autoverkehr zu befreien. Damit wollen sie einer Verödung der Friedrichstraße zuvorkommen und zum Verweilen einladen und eine Flaniermeile schaffen. Von Einzelhändlern wurde ein 1. Aktionstag hierzu positiv aufgenommen, am 11. Mai folgt eine Wiederholung.[13]

Auch auf des Deutschen liebsten Urlaubsinsel Mallorca wird sich für den stationären Einzelhandel stark gemacht. Am 1. April wurde im Plenum des Inselrats ein Masterplan verabschiedet: den übergroßen Einkaufszentren Einhalt gebieten! Die Sorgen der Inhaber von traditionellen Geschäften lauten: Unlautere Konkurrenz durch Big Player, Bedrohung durch den Online-Handel, durchwachsene Schlussverkäufe. Wie in anderen Städten Deutschlands auch.[14]

Auch unsere französischen Nachbarn in Paris wurde eine Re-Vitalisierungs-Politik beschlossen zum Schutz für Einzelhandel. So versucht Paris seine Innenstadt vor der Verödung zu bewahren. Die Semast kauft hier Ladenlokal in mehreren Viertel und verpachtet sie an die Interessenten, deren Warenangebot am besten ins Viertel passt. Fleischerei, Spielzeugladen, ein Laden für Wandteppiche und eine Möbel-Boutique – viele kleine Läden reihen sich aneinander und locken erfolgreich die Kundschaft an.[15]

Jürgen Budke vom Spielzeugkaufhaus „MuKK“ überzeugt mit Einkaufserlebnissen: Schuhe aus beim Stöbern und ab mit der Rutsche ins Paradies für kleine Helden. Bei MuKK werden Kinder zum Ausprobieren eingeladen. Um den digitalen Kunden zu erreichen, können diese im eigenen Online-Shop fündig werden und die Waren versenden lassen oder später via Click & Collect abholen. Bei Amazon werden Sie MuKK nicht finden. Ob Budkes Spielzeugladen auch so leicht zum Opfer fallen wird wie andere, beantwortet er mit „Einige Dinosaurier haben sich den Bedingungen angepasst und so überlebt. Ich denke, das werden wir auch.“[16]

Andere Städte greifen ihren Händler unter die Arme und stärken durch die Einführung einer CityCard . In Troisdorf ist seit über 20 Jahren die TroCard im Einsatz mit über 30.000 CityCards und über 80 teilnehmenden Händlern bzw. Freizeiteinrichtungen. Auch digital gehen die Verantwortlichen einen Schritt weiter: begeistern mit der dazugehörigen Tro4me-App und Einbindung von Sachbezugsgutscheinen. Teilnehmende Partner profitieren von Marketingmaßnahmen und einer verstärkten Kundenbindung durch die attraktive Karte. Auch eine Maßnahme um den lokalen Handel zu stärken, die auch in anderen Städten sehr gut funktioniert (z.B. Lennestadt, Biberach).

Das sind nur ein paar Beispiele, die den Weg ebnen für eine Vitalisierung der Innenstadt. Vielleicht kennen Sie weitere solchen Beispiele? Lassen Sie es uns gerne im Kommentar wissen.

Kein Hexenwerk – eine Stadt kann sich re-vitalisieren

Sie sehen: das Massensterben des Einzelhandels in der Innenstadt ist nicht nur ein Problem in Deutschland. Auch unsere europäischen Nachbarn und die USA leiden hierbei. Aber es werden auch die richtigen Weichen vielerorts gestellt, um die Vitalisierung der Innenstädte zu erreichen.

Im Kern muss eine Innenstadt leben, attraktiv sein, zum Verweilen einladen. Die Verbraucher ihrer Stadt müssen das Gefühl haben, dass sie bestens versorgt sind und nicht auf die Online-Riesen greifen müssen. Es müssen Anreize geschaffen werden, um z.B. im Spielzeugladen in der Stadt zu kaufen, statt online. Dazu zählen positive Einkaufserlebnisse beim Verbrauchen zu erzeugen. Nutzen Sie Ihre Stärken im stationären Einzelhandel!

Quellen:

[1] https://www.duden.de/rechtschreibung/vital

[2] https://www.handelsblatt.com/unternehmen/mittelstand/handwerk-zahl-der-baeckereien-und-fleischer-geht-stark-zurueck/24243932.html?ticket=ST-1648887-25gZIONPaYWAyaPItWPj-ap5 23.04.19

[3] https://www.wiwo.de/unternehmen/handel/spielwarenlaeden-dinosaurier-die-sich-spezialisieren-ueberleben-alle-anderen-werden-sterben/24080594.html 10.03.19

[4] https://www.cnbc.com/2019/04/09/75000-more-stores-need-to-close-ubs-estimates-as-online-sales-grow.html 09.04.19

[5] https://www.welt.de/wirtschaft/article187591304/Ranking-Das-sind-die-fuenf-attraktivsten-Innenstaedte-Deutschlands.html 23.01.19

[6] https://einzelhandel.de/images/presse/Pressekonferenz/2019/Fruehjahrs-PK/PK_Charts.pdf 24.04.19

[7] https://einzelhandel.de/presse/aktuellemeldungen/11955-innenstaedte-in-gefahr-hde-fordert-sofortprogramm 18.02.19

[8] https://stilundmarkt.de/Im-Handel/Stadtentwicklung-durch-Storytelling 08.02.19

[9] https://einzelhandel.de/presse/aktuellemeldungen/12113-handel-warnt-vor-city-maut-handelsstandort-innenstadt-in-gefahr 25.04.19

[10] https://atalanda.com/wuppertal

[11] https://ebay-city.de/moenchengladbach/

[12] https://www.n-tv.de/wirtschaft/Rossmann-trennt-sich-von-Amazon-article20968105.html 15.04.19

[13] https://www.die-mitte.berlin/single-post/2019/03/22/Flaniermeile-Friedrichstrasse-Vision-oder-Illusion 22.03.19

[14] https://www.mallorcazeitung.es/lokales/2019/04/13/city-palma-de-mallorca-groses/67439.html 13.04.19

[15] https://www.deutschlandfunkkultur.de/schutz-fuer-einzelhandel-wie-paris-seine-innenstadt-vor.979.de.mhtml?dram:article_id=445180&fbclid=IwAR1yEJoFQny704Y7hgGsN1NgkkAFI8Zk2yv9gcwrvB8RLdwt1ixo8dyHuYk&xtor=AD-254 01.04.19

[16] https://rp-online.de/nrw/panorama/online-handel-stuerzt-spielzeuggeschaefte-in-die-krise_aid-35885193 26.01.19

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